PRESSESTIMMEN
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Aus: HORCH UND GUCK, Heft 17 (4/95)

Schauplätze

Das Gespräch mit dem Metropoliten Simeon, dem Oberhaupt der
Bulgarischen orthodoxen Kirche, führte Detlef W. Stein im April 1995 in Berlin.
Detlef W. Stein ist Arbeitsgruppenleiter des Fachforums Südosteuropa im Neuen Forum.

Herr Metropolit Simeon, welche Veränderungen gibt es im Gemeindeleben der Bulgarisch orthodoxen Kirche seit dem politischen Umbruch 1989 in Bulgarien? Hat sich die Kirche für mehr Leute geöffnet, ist die Religiosität vielleicht größer geworden?
Die bulgarische Kirche ist eine Nationalkirche, und die Geschichte der bulgarischen Kirche ist auch die Geschichte Bulgariens. Vor 1100 Jahren hat das bulgarische Volk das Christentum übernommen, und seit dieser Zeit waren die Kirche und der Staat eine Einheit. Die Ausnahme bildet die fünfhundertjährige türkische Fremdherrschaft.

Die bulgarische Kirche war eine Volkskirche, eine demokratische Kirche, und in diesem Jahr wird der 50. Jahrestag der Befreiung unserer Kirche durch das Schisma vom griechischen Patriarchat gefeiert. In der Zeit bis 1945 war die Kirche offiziell in allen Schulen Bulgariens vertreten, Religion war ein Pflichtfach. Die orthodoxe Kirche lebte mit den anderen Konfessionen und Religionsgemeinschaften friedlich zusammen, der katholischen Kirche, der evangelischen Kirche und auch mit der moslemischen Religionsgemeinschaft.Im Jahre 1943 zeigte sich die Menschlichkeit der Kirche darin, daß sie die jüdische Bevölkerung Bulgariens gerettet hat, was auch durch Protokolle aus dieser Zeit bewiesen wird.

In Bulgarien wurden die Kirchen natürlich nicht geschlossen wie in Rußland in dieser Zeit, aber die Jugend und die Kinder hatten keine Möglichkeit mehr, in den Gottesdienst zu kommen. Die Episkopen, Priester und alle kirchlichen Würdenträger konnten über die Kirche und über den lieben Gott nur direkt in der Kirche sprechen. Unser Besitz wurde konfisziert, und am 1. November 1961 haben uns die Kommunisten unser größtes Heiligtum, das Rila-Kloster, weggenommen. Erst dank des Drucks von außen wurde es wieder zurückgegeben, das war 1967. Aber trotz aller dieser Vorgänge wurde die Einheit der Kirche nicht zerstört. 1953 wurde das bulgarische Patriarchat wiederhergestellt, indem der bulgarische Patriarch zum ersten Mal wiedergewählt wurde. 1971 schließlich wurde der heutige Patriarch Maxim gewählt.

Und dann kam 1989: Wir, die Kirche, haben die Wende mit großer Hoffnung und mit großer Freude begrüßt. Ich persönlich war bei der Sitzung der Hl. Synode damals auch dabei, worin wir erste Communiqués an den Minister rat, an das Außenministerium und an das Parlament gerichtet haben.
Erstens baten wir, daß das Fach Religion wieder an den Schulen eingeführt werde. Der zweite Punkt war, daß das Rila-Kloster mit allen Rechten zurückgegeben werde, denn bis 1989 hatte dieses Kloster einen staatlichen und einen kirchlichen Teil, und wir hatten, wie in allen anderen Klöstern, nur das Recht, fünf Mönche dort zu haben. Zudem wollten wir auch noch das Kirchenvermögen zurückerhalten. Außerdem stellten wir diverse andere Anfragen bezüglich der Regelung unseres kirchlichen Lebens, zum Beispiel wegen der Hochschulund Fachschulausbildung: Die Kommunisten hatten unseren ausgezeichneten FachschulKomplex zerstört und nur eine Fachschule in einem Dorf namens Schelepisch übriggelassen.
Wir wollten vor allem die Fachschulen in Plovdiv und Sofia zurück. Seit dieser Zeit haben wir unsere Wünsche mehrmals geäußert und warten seitdem. Dann haben in Bulgarien die politischen Kämpfe angefangen, auch auf dem Gebiet der Kirche, und zwar mit dem Priester Christophor Sabev an der Spitze der einer Gruppe.

Man hat angefangen, die offizielle bulgarische Kirche zu attackieren, unsere Hl Synode und unseren Patriarchen zu kritisieren. Sie haben ihn beschuldigt, nicht richtig gewählt, sondern von Todor Schivkov eingesetzt worden zu sein. Aber das stimmt nicht: Patriarch Maxim wurde bei einem Volkskongreß gewählt, und nach dem Kanon und den Gesetzen muß ein neu gewählter Patriarch vom Staatsoberhaupt Bulgariens bestätigt werden und in dieser Zeit war das natürlich Todor Schivkov.
Wenn in Istanbul ein Patriarch gewählt wird, muß er genaus türkischer Staatsbürger sein und von der türkischen Regierung bestätigt werden. Es gibt jetzt also ein Schisma in der bulgarisch orthodoxen Kirche, das muß man in aller Klarheit sagen.

Aber welche Vorwürfe richtet denn die Zweite Synode überhaupt an die Erste?
Zusammen mit Christophor Sabev haben drei Metropoliten von 13 eine Gruppe gebildet: Pimen, Kalinik und Panakrati. Nach 1989 wurde die Kirche direkt dem Ministerrat unterstellt, wo eine Vertretung für Kirchenfragen eingerichtet wurde, deren Leitung Methodi Spassov innehatte.
Die erste Beschuldigung der Kirche war nun, daß der Patriarch und alle anderen Metropoliten nicht offiziell bei dieser Direktion registriert waren. Und dieser Methodi Spassov hat schließlich die anderen registriert und behauptet, dies sei die neue Synode.

Warum waren wir nicht offiziell registriert?
Der Grund war, daß die bulgarische Kirche in der ganzen Geschichte nicht registriert gewesen ist; sie war eine Nationalkirche, die nur in den Köpfen und Herzen der Bulgaren registriert war. Es war üblich, daß der Patriarch und die Metropoliten gewählt wurden und daß das dann nachher den offiziellen Stellen mitgeteilt wurde.
Der zweite Vorwurf war, daß Patriarch Maxim ein Kommunist sei, und damit automatisch auch alle anderen, die ihn unterstützen. Alle anderen Patriarchen der orthodoxen Kirchen der anderen Länder unterstützen aber Patriarch Maxim in Übereinstimmung mit dem Gesetz und dem Kanon bis zum heutigen Tag, und nicht die Abtrünnigen. In der Geschichte der bulgarischen Kirche hat es so eine Teilung, so eine Abspaltung, nie gegeben, und im Grunde genommen war das nur ein Kampf um die Macht.

Seit wann gibt es denn die Spaltung?
Seit dem 31. Mai 1992. Leider ist es so, daß die neue demokratische Macht in Bulgarien einen historischen Fehler zugelassen hat und nicht so klug war, die Einheit der Kirchezu wahren. Unabhängig davon, wer Patriarch Maxim ist: die Kirche mußte einheitlich bleiben.
Es ist ein kapitaler historischer Fehler, daß die neue demokratische Macht irgendwelche Hoffnungen mit dieser Spaltung verbundenhat. Sie (die andere Gruppe, die Red.) verfügten über einen Brief des Staatsanwalts, auf den sie sich beriefen, um verschiedene Kirchen und auch Klöster zu besetzen; sie beschlagnahmten auch unsere Banknoten. Erst dann wurde eine Versammlung mit allen bulgarischen Metropoliten und Episkopen einberufen und bei dieser haben sie ihre Würde, also ihre Bezeichnung als Metropoliten verloren.

Aber was war ihr Grund, so zu verfahren; wie haben sie argumentiert?
Metropolit Pimen, das ist der älteste von ihnen, hat zur Zeit der Patriarchenwahlen gehofft, daß er Patriarch werden würde, d.h. er war zu hundert Prozent davon überzeugt; aber er wurde nicht gewählt.
Metropolit Panakrati war während des Kommunismus Leiter der Außenpolitik der Kirche, und Panakrati und auch Metropolit Kalinik haben damals aktiv das Komitee für religiöse Fragen der Kommunistischen Partei unterstützt, sie haben in dieser Periode praktisch die Kirche geleitet. Und nach der Wende, 1990, wurden zuerst sie angegriffen, warum sie das gemacht hätten, und uns wurde die Frage gestellt, warum wir sie nicht entließen.

Aber wir wollten die Einheit der Kirche erhalten. Sie sind in die Opposition gegangen, um sich zu retten. Wenn sie kämpfen wollten, hätten sie das innerhalb der einheitlichen Kirche tun sollen. Zu ihrer Forderung, den Patriarchen abzusetzen, ist zu sagen, daß dies nur durch eine Heilige Versammlung geschehen kann. Eine solche wollten wir auch für ganz Bulgarien vorbereiten, aber sie haben auf ihrer Forderung nach Absetzung des Patriarchen beharrt. Und noch schlimmer: Sie haben angefangen, neue Episkopen und neue Strukturen zu bilden; sie haben sieben neue Episkopen gewählt. Die Kirche ist völlig verarmt der Staat hat ihr ihre Bankguthaben nicht zurückgegeben. Und das Fach Religion wurde auch nicht eingeführt.

Bleiben wir doch noch bei dem Schisma. Wie war der weitere Verlauf?
Der Patriarch von Istanbul und der russische Patriarch waren in Bulgarien, beide haben uns unterstützt, und wir haben Fachleute für Kirchenrecht aus Griechenland und Rumänien eingeladen. Wir wollten die Einheit und den Frieden in der Kirche wiederherstellen. Natürlich hätten sie ihre Fehler schriftlich zugeben müssen, aber dann hätten wir sie wieder aufgenommen. Bis heute haben sie das nicht gemacht. Ich habe mich auch persönlich mit allen drei getroffen. Und im Oktober 1992, als ich unseren König Simeon II., der in Madrid lebt, nach Budapest einlud, kamen auch die drei genannten. Pimen wurde von seinen Unterstützern gebeten, auch mit dem König persönlich über die Geschehnisse zu reden. Der König wollte nur mit mir und Pimen gemeinsam sprechen und fragte ihn, warum er gekommen sei. Er antwortete darauf, daß er ein friedliebender Mensch sei, und schlug vor, mit mir gemeinsam die offizielle Messe am nächsten Tag zu halten. Der König antwortete, daß er, bevor er nach Budapest gekommen sei, mit allen Patriarchen der orthodoxen Kirchen gesprochen habe und alle wie eine Mauer hinter Patriarch Maxim stünden. Metropolit Pimen fragte daraufhin, ob er nicht wenigstens bei dem Gottesdienst dabei sein könne, woraufhin ihm der König antwortete, daß er die Kirche verlassen werde, wenn Pimen sie betrete.

Das ist also die Meinung von Simeon II. Wir haben dann noch einmal versucht, den Frieden wiederherzustellen, und so wurde noch einmal eine Konferenz organisiert, zu der wir die Genannten wieder einluden. Sie schrieben einen Brief und übergaben ihn an diesem Tag. Am nächsten Tag leugneten sie das, was sie darin geschrieben hatten. 1994 traf sich zum ersten Mal auch der Patriarch mit Panakrati, und zwei andere Metropoliten versuchten, mit den anderen beiden über diese Probleme zu sprechen.

Jetzt, als ich im Dezember in Bulgarien war, habe auch ich noch einmal mit Panakrati gesprochen. Wir möchten, daß sie alle drei zu uns zurückkommen, aber leider verlangen sie, daß auch alle anderen, die sie bestätigt haben, mit in die Leitung der Kirche aufrücken, was aber laut Kanon nicht möglich ist. Deshalb wird nun dieser große Kirchenkongreß organisiert, im Rahmen dessen es eine friedliche Auseinandersetzung geben soll, und für den wir hoffen, daß auch die anderen des Kämpfens müde sind das Volk ist ja genauso von diesen politischen Kämpfen ermüdet.
Letzthin, als der russische Patriarch nach Bulgarien kam, haben die drei Metropoliten endlich das Gebäude der Hl. Synode freigegeben, so daß der Patriarch zu diesem Treffen in der Hl. Synode anwesend sein konnte.

Sie haben das Gebäude die ganze Zeit über mit ihren Leuten besetzt?
Ja, sie haben es benützt, und wir durften nicht hinein. Unsere Sitzungen hielten wir am Sitz des Metropoliten ab.

Es bestehen Vorwürfe, die Kirchenoberen hätten in der kommunistischen Zeit mit dem damaligen Geheimdienst zusammengearbeitet?
Der Patriarch hat dazu erklärt, daß er sich mit Todor Schivkov in dieser ganzen Zeit nur dreimal getroffen habe. Keiner kann genau feststellen, ob jemand von den Metropoliten oder den Geistlichen, die in der Kirchenleitung waren, Verbindungen mit der Staatssicherheit unterhielt.
Die Unterstützung der Regierung durch die bulgarische Kirche bestand in der Verbindung mit der damaligen Friedensbewegung, darin, daß wir auch manchmal zu diesen Kongressen und Konferenzen Vertreter geschickt haben. Es stimmt, daß in der Zeit des Kommunismus auch bulgarische kirchliche Würdenträger ermordet wurden und daß Patriarch Cyrill im Gefängnis saß.
Aber ob Kirchenleute irgendwie die Staatssicherheit oder die Regierung unterstützt haben, weiß ich nicht; es kann sein, daß es so etwas gegeben hat. Als gesamte Kirche, mit unserem Patriarchen, hätten wir nicht so etwas wie eine Demonstration gegen die Regierung machen können, sonst hätten sie sofort unsere Kirchen geschlossen.

Aber dann hätten wir in der DDR auch keine Kirchen mehr gehabt. Unsere Diktatur war auch nicht liberaler als die in Bulgarien. Gibt es denn überhaupt gar keine Versuche in der Bulgarischen orthodoxen Kirche, nach der politischen Wende sich mit dieser Vergangenheit zu beschäftigen?
Bei uns in der evangelischen Kirche gibt es einige spezielle Gruppen, die sich genau damit auseinandersetzen, historisch und natürlich theologisch. Wir wollen ja gerade, daß der Patriarch und die ganze Kirche bei dieser Kirchenvolksversammlung zu diesen Fragen Stellung nehmen; durch eine Spaltung werden die Probleme der Kirche jedenfalls nicht gelöst.
Meiner Ansicht nach sollten wir beschließen, daß das Dossier jedes Leitungsmitglieds der Kirche offengelegt wird, weil auch wir selbst wissen möchten, was da alles drinsteht. Ich glaube, daß die Kirche immer sauber vor Gott und vor sich selbst und auch vor dem Volk, dem sie dient, bleiben muß.

Ganz konkret: Soll es besondere Arbeitsgruppen geben, die sich innerkirchlich mit der Vergangenheitsbewältigung beschäftigen? Ist noch nichts Derartiges geplant?
Soviel ich weiß nicht. Es mag sein, daß etwas im Ministerrat gemacht wird, aber in der Kirche nicht. Auch deswegen glaube ich, daß diese Volksversammlung so wichtig ist, wo offen Fragen gestellt werden sollen, auch diese Frage. Wir erwarten sogar, daß der Patriarch abtreten wird und daß ein neuer gewählt wird. Wir möchten etwas Neues haben.

In Bulgarien hat eine neue Ära der Demokratie begonnen, aber die Kirche ist leider noch geblieben, wie sie war, gerade auch durch diese Spaltung. Haben Sie Hoffnung auf dem Gebiet der Ökumene für Bulgarien, aber auch für ganz Südosteuropa? Und wenn ja, welche konkret?
Die jungen Metropoliten hören sehr oft von mir etwas über dieses Thema, aber sie persönlich wissen nicht so gut Bescheid darüber, und es ist schwer, diese Fragen mit ihnen zu besprechen. Was wir in Europa sehen, ist, daß in verschiedenen Ländern sogar schon Heilige Kriege zwischen verschiedenen Religionen in Vorbereitung sind bzw. durchgeführt werden.
Wir alle, die Vertreter der Kirche und auch die Politiker, müssen alles Mögliche unternehmen, wir müssen zusammenarbeiten, damit wir Europa retten können. Nationalismus und Fanatismus führen zu nichts, das sind Kardinalfehler einer Demokratie, und die Demokratie darf so etwas nicht erlauben. Nun ist die Zeit gekommen, die Verbindungen zwischen dem Westen und dem Osten zu aktivieren, denn im Westen sind die Leute Materialisten geworden, und diesen Materialismus muß man sozusagen vergeistigen. Nur solch ein vergeistigter Materialismus kann die Welt noch retten, besonders in Europa.

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